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Mit dem Sinnen und Streben der Sterblichen hat es ein anderes Bewandtnis und die Politik, wie die Literatur gehorchen in ihrem Entwicklungsgange, zu nicht geringem Verdruss der Ungeduldigen, den gleichen Gesetzen der Langsamkeit, des Irrtums und des Widerspruchs. Den letzten Riegel hat Bonitz zwar noch nicht zurückgeschoben und Lord Palmerston glaubt noch heute an die Wirksamkeit seiner Noten am Bundestag. Wollt ihr aber deswegen schon Alles gleich verloren geben? Im Zustande der Zerbröckelung wie jetzt, das fühlt natürlich Jedermann, kann Deutschland nicht in die Länge bleiben, wenn sich die beiden Granitkolosse links und rechts, wie bisher, in gegenseitiger Annäherung fortbewegen. Schon der Instinkt der Selbsterhaltung treibt uns in diesem Falle zur Gestaltung einer Innern kompakten Kraft, um den Druck von Außen abzuhalten oder wenigstens die feindlichen Ungetüme im Laufe fest zu bannen. Dass aber diese Gestaltung einer inneren kompakten Kraft, dieser politische Schöpfungsakt und „kategorische Imperativ“, wie die Wiener Dramaturgen sagen, unter den plebejischen Händen der „besten Männer“ Anno 1848 trotz der brillanten Gervinusartikel misslungen und so zu sagen gänzlich zerfahren ist, wird jetzt fast allgemein als richtig angenommen. Ob aber nun die erbberechtigten Baumeister neuer Staatsordnungen in Olmütz, Dresden u. in Frankfurt das wieder aufgenommene Geschäft mit glänzenderem Erfolg betreiben als vor dem großen Bankerott, ist auch noch nicht ausgemacht. So oft das moslimische Kabinett von Tschiragan großartige Staatsheilmaßregeln, deren Lebendigmachung aber schon durch die Natur des byzantinischen Völkerkomplexes problematisch ist, durchzuführen unternimmt, nennen es die am Erfolge meistbeteiligten christlichen Untertanen selbst nur einen Mummenschanz, ein Puppenspiel, an dessen Wahrheit Niemand, am wenigsten aber die Akteure selber glauben, Kinder betrügt man durch Spielsachen, Menschen aber durch Eidschwüre und verstellten Schein, sagte Lysander, der, wie Jedermann weiß, ein großer und streng konservativer Staatsmann von Sparta gewesen ist. Obgleich die P. P. der Gesellschaft Jesu letzthin zu Heidelberg gepredigt und, wie die Blätter sagen, erstaunlich viel Familienglück gestiftet haben, wollen doch einige perverse Gemüter deutscher Nation die Lysander'sche Heidenpraxis auch in die christliche europäische Politik herüberziehen und sogar in nicht weit entfernter Nachbarschaft einen Abklatsch dieser konservativen Bescherung finden. Gegen eine Verkehrtheit dieser Art müsste unsereiner aus voller Kraft und mit der strengsten Miene protestieren. Talent und redlicher Wille fehlen auf der Eschenheimer Gasse nicht, und auch dem allgemein gefühlten Bedürfnis politischer Eingebung wird man so weit entgegen kommen, als es ohne gar zu empfindliche Opfer der Einzelfürsten möglich ist. Man ist jetzt in Frankfurt nicht mehr so hitzig und schonungslos wie weiland in, Parlament. Niemand in der Welt hält sich ja für überflüssig und wie mancher hochwürdige Doktor ist nicht innigst überzeugt was maßen die Universität zu Dervischabar, das bojoarische Königreich und sogar die katholische Kirche selbst ohne sein künftiges Kompendium der Dogmatik nicht länger bestehen können. Diese Selbstliebe ist verzeihlich; nichts hat Kaiser Napoleon in Deutschland mehr und empfindlicher geschadet als die Kurzsichtigkeit seines Intendanten Darü, der da nicht einsehen wollte, dass die Jenenser Professoren zum Heil des Vaterlandes und der Wissenschaft notwendig jeden Abend Beefsteak essen mussten. S. Denkwürdigkeiten des Weimarschen Geheimrates Müller. Man ist aber heute auch viel billiger als im verwichenen Jahr und das Verlangen, die kleineren deutschen Fürsten möchten aus Patriotismus selbst abtreten, gilt jetzt fast überall für töricht und abgeschmackt. Die Zeiten, wo St. Alexius sein Senatorengold den Proletariern schenkte und um seine Seele zu retten auf Bettel ging, sind jetzt vorbei, und wären in mehren europäischen Staaten, wie man neulich in Zeitungen las, selbst von Polizeiwegen strengstens untersagt. Nackt dagegen und mit dem Krönlein auf dem Kopfe in die Wüste hinaus zu gehen, wie der ägyptische Regulus St. Onuphrius, gestattet bei aller Sucht unserer Großen nach sittlicher Vollendung in Deutschland schon das Klima nicht. Wie es in der Politik bei uns heute ist, so soll es bleiben; die Notwendigkeit ist kein Übel und Magister Pangloss wäre noch heute der größte Philosoph.

Eine kompakte Einheits- und Widerstandskraft neben Vollbestand souveräner Kleinstädterei ist in Deutschland eine anerkannte Unmöglichkeit. Aber eine eben so große, ja vielleicht eine noch viel größere und noch viel unbesiegbarere Unmöglichkeit wäre der Fortbestand des wahren, echten Deutschlands ohne die vollsouveränen kleinen Staaten. Möchte man etwa Deutschland ebenfalls aus der Landkarte wegstreichen, wie weiland Polen? Wie könnten wir uns aber auch Europa ohne ein Deutschland denken und was stürmt man so rastlos und ungeduldig gegen unsere Natur? Wie die Zyklopen des Polyphem will und wird auch bei uns ein jeder Einzelne, ohne sich weiter um den Andern zu kümmern, privatim und „gemütlich“ sein Spiel verfolgen, so lange und so weit er kann. Diesen tiefen Zug im deutschen Nationalcharakter auszutilgen vermöchte, bei anerkannter Ohnmacht der Vernunft und der besseren Einsicht in politischen Dingen, vielleicht nur eine Mongolenflut — ein Preis, um welchen kein redlicher Mann die deutsche Einheit kaufen möchte. Im Grunde wäre man aber auch für eine solche Kur selbst in Deutschland noch lange nicht Moscowit genug. In Deutschland selbst versteht mit wenigen Ausnahmen Jedermann, was wir da meinen, und selbst dem glühendsten Einheitsfanatiker sagt in lichten Augenblicken das eigene Bewusstsein, dass wir die Sache bei dem rechten Namen nennen und eine politische Leidenschaft bezeichnen, gegen die wir uns nicht mehr verteidigen können. Von Innen heraus ist nach den Pazifikationsmaßregeln in Hessen und in Schleswig-Holstein freilich nichts mehr zu besorgen und selbst der Fanatiker von Krefeld wird durch die vis inertiae des deutschen Volkes doch auch noch in Schranken zu halten sein. Aber von Außen wälzt sich die Gefahr mit jedem Jahre drohender gegen das Vaterland und nicht ohne Heiterkeit muss man die Politik der Gewaltigen und ihrer Organe bewundern, die da hoffen, der fremde Gigant werde seine Kraft nur so lange spielen lassen, bis für die petulanten Sprünge getrennter und schwacher Zwerge der Tummelplatz gesäubert ist. Weiß man denn aber auch im schönen Deutschland noch immer nicht, wie das festgedrängte, das durch inneren Druck unwillkürlich und sträubend zur Einheit Zusammengepresste es von jeher für eine Beleidigung gehalten hat, wenn das Lose, das Schwache, das Leichtfertige glücklich und luftig in freiem Mückenspiel seinen ehernen Schritt umgaukelt? Wie jede lebendige Kraft fordert auch der Despotismus beständig frische Nahrung. Und hat er einmal den Gegner verschlungen, so greift er in der Hungersnot zuletzt seine besten Freunde an. Jede politische Epoche hat ihre bestimmte Aufgabe und wie es im vorigen Jahrhundert Polen war, so ist heute unser Deutschland die gemeinsame und so zu sagen, die einzige Unterlage des europäischen Gedankens. Plutarch hat sein Buch de sera numinis vindicta nicht umsonst geschrieben und sogar die Phlegmatischen unter uns merken, man wolle es die Deutschen endlich einmal ernstlich entgelten lassen, dass sie vor längerer Zeit Quintilius Varus die Legionen erschlugen, dass sie später die Pest des menschlichen Geschlechtes, wie es die Weisen in Dervischabad nennen, die Topographie erfanden, unmittelbar darauf zu Wittenberg an der Elbe das jus canonicum verbrannten und neulich erst gar noch die große französische Weltbewegung durch Robert Griepenkerl zu Braunschweig auf die dramatische Bühne brachten. Auf dieses lange Register deutscher Nationalsünden, glaubet es nur, soll jetzt die Züchtigung folgen. Wer wird da wehren und helfen? Eine deutliche unbestimmte Antwort auf diese Frage gibt es zwar heute noch nicht; dass aber Deutschland selbst in der äußersten Not seine Natur nicht verleugnen kann und dass es bleiben will, ja bleiben muss, wie es ist, das allein weiß und fühlt bei uns Jedermann. Wenn man uns doch nur endlich einmal bei unseren Andachts- und Sittlichkeitsbestrebungen unbehelligt, unangefochten und ungegängelt lassen möchte! Man versichert uns zwar von achtbarer Seite her, es habe noch keine Not, Czar, Napoleon Bonaparte und der Cavaignac selber wären unsere besten Freunde, seien überall nur auf Wahrung und Befestigung unserer politisch-theologischen Staats-Phantasien bedacht und wollen von einer Übervorteilung Deutschlands aus Achtung für fremdes Gut und Recht durchaus nichts wissen. Wenn man diesen niedlichen Versicherungen nur auch ein rechtes Vertrauen schenken könnte! An Alles kann man aber glauben: nur an Tugend und freiwillige Enthaltsamkeit derjenigen, die da herrschen und nehmen können, Große oder Kleine, oben oder unten, glaubet nicht!

Wie die Sachen heute stehen, sind aus dem deutschen Labyrinth nur noch zwei Auswege offen. Entweder ersticket durch geistliche Mittel die sündhaften Gelüste im Kremlin und in Elysee, oder rüstet eine ausreichende physische Gegenkraft. Das erstere wäre deutscher Gemütlichkeit und Metaphysik freilich weit angemessener und kongenialer als rohes Waffengetümmel und brutale Gewalt. Zum Glück für Deutschland hat der Ehrwürdige P. Schwegerl vom Redemptoristenkloster in Altötting gerade jetzt, wie die Blätter sagen, unter dem Sündenwust der oberbayerischen Schullehrer tapfer und gottselig aufgeräumt. Warum schickt man nun nicht diesen siegreichen Kämpen, diesen zweiten Ruisbrock, um, wie vorher die oberbayerischen Schullehrer, jetzt den Groß-Chan und seine Bojaren, versteht sich beide separatim und bei verschlossenen Türen, an Ort und Stelle selbst zu katechisiren? Der Czar ist ja ein frommer Mann, wie Herr von Montalambert mit allen Andächtigen in ganz Europa sagt, und die Furcht vor Kirchenbann und vor ewiger Höllenpein wird ihn Deutschland gegenüber gewiss auf bessere Gedanken bringen. Um jedoch die Sache nickt bloß halb zu tun, müssten zu gleicher Zeit die beiden beredtesten Luzerner Jesuiten P. Simmen und P. Burgstaller, den Napoleon Bonaparte und die „Afrikaner“ der Pariser Deputiertenkammer in gleicher Buß- und Friedensmission auf die Gefahren ihres eigenen Seelenheiles aufmerksam machen, wenn sie noch einmal selbstsüchtig und schadenfroh von einer „Allemagne multiple“ reden und den süßgläubigen Wechsler von Crefeld hartnäckig dem Frankenreich inkorporieren wollen.

Der Ausweg, entgegnet man uns vielleicht, wäre schon ganz gut und auch für Herstellung geistlichen Übergewichts in Europa dürfte er weit erfolgreicher sein, als selbst die Transmigration einer edlen Gräfin aus Babel nach Jerusalem. Aber wenn nun bei alledem die geistliche Medizin dieses Mal ohne die gehoffte Wirkung bleibt und wenn man im Kremlin wie im Elysee unbußfertig und stöckisch auf dem alten Sündenweg verharren will, wie dann?

Dann wäre freilich nur noch der zweite Ausweg offen, und hiervon ein andermal.


 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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