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Er ging wohl an keinem Pferde vorüber, ohne es mit seinem hellen Künstlerblick auf seine Eigenarten anzusehen und besaß für solche ein phänomenales Gedächtnis, für ihre karikaturistische Übertreibung einen goldigen Humor, den wohl nur ebenfalls ein Pferdekenner in seinem vollen Umfang würdigen konnte.Wenn das Gespräch auf das edle Tier kam, auf dessen Rücken das höchste Glück der Erde liegt, so fingen seine Augen zu blitzen an und er konnte Stunden um Stunden vergessen in fröhlichem Geplauder von Pferden, die er gesehen, die jene und diese Unart gehabt, so oder so gebaut gewesen. Ein Pferd, das er aus irgend einem Grunde näher angeschaut, vergaß er nie und sprach wohl oft einmal nach dreißig Jahren darüber mit dem einstigen Besitzer, dem längst das Tier aus dem Gedächtnis entschwunden war. Wie oben bemerkt, hatte Ludwig von Nagel den Reiter nicht minder getreulich studiert als das Pferd. Alle die Tausende von Reitern, Sportsmen und Offiziere, Bauern und Rekruten, Pferdejuden und Ellenreiter am Sonntag, die er gezeichnet, hatten ihre ganz bestimmte und wohl verstandene Art zu sitzen. All ihre Unbehilflichkeiten, Manieren und Unmanieren wusste er gar ergötzlich zu kennzeichnen war er doch selber ein Reitersmann und Soldat, so lange ihm seine Gesundheit dies gestattete. In den meisten seiner — namentlich in den Fliegenden Blättern erschienenen — Zeichnungen überschritt Nagel jene Grenze nicht, welche humorvolle Charakteristik von der eigentlichen übermütigen Karikatur trennt. Er war aber, wie seine Freunde wohl wissen und namentlich die Mappen der von ihm gegründeten Tafelrunde der Niederländer erweisen, ein Meister der Karikatur, voll Schalkheit und Witz und kostbarer Satire. (Vergl. K. f. A.VII. Jahrg. H. 13.) Hier wusste er mit wenigen, schnell hingeworfenen Strichen nicht minder gut zu treffen und zu erzählen, als in der feinen, zierlichen Federtechnik, die er sich für seine öffentlich erscheinenden Arbeiten zurechtgefügt hatte. Dabei war er auch im Sinne der korrekten Form ein unfehlbar sicherer Zeichner. Geboren am 29. März 1836 zu Weilheim, absolvierte Nagel das Gymnasium und trat 1852 in die bayerische Kavallerie als Regimentskadett ein, diente bis zum Major im fünften und sechsten Chevaulegersregiment und bei den zweiten Kürassieren, machte die Feldzüge von 1866 und 1870-71 mit, und nahm 1877 seinen Abschied. Anfangs der sechziger Jahre hatte Meissonnier eine Reihe von Zeichnungen gesehen, die der junge Offizier zu Lehrzwecken für die Reitausbildung der Rekruten geschaffen hatte. Er interessierte sich so sehr dafür, dass er diesen dringend einlud, den Säbel an den Nagel zu hängen und bei ihm in Paris die Malerei zu studieren. Es ist nichts daraus geworden, und es ist gut so. Ein trefflicher Maler wäre Nagel, den so manche Eigenart für die Schule Meissonnier's ganz besonders zu prädestinieren schien, in Paris gewiss geworden. Aber vielleicht hätte die intime, liebenswürdige, kerndeutsche Art, die wir an diesem trefflichen Künstler lieben, sich nicht so entwickelt. Und über die Grenzen des Dilettantismus kam er aus eigener Kraft ja auch weit hinaus.

 

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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